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Mat­thias Kirbs in der FAZ Sonn­tag­saugabe zum Thema Dia­lekt­re­duk­tion

Mat­thias Kirbs in der FAZ Sonn­tag­saugabe zum Thema Dia­lekt­re­duk­tion

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FAZ Autor Uwe Marx sprach mit mir und ande­ren Fach­leu­ten über das Thema Dia­lekt-Reduk­tion. Und mit Men­schen, die im beruf­li­chen Kon­text hier etwas für sich tun. Der Arti­kel „Ein Hoch auf das Hoch­deutsch!” erschien in der jüngs­ten Sonn­tags­aus­gabe. Im ein­füh­ren­den Text heißt es: „Wer in Beruf Dia­lekt spricht, gilt als nied­lich, mal als bemit­lei­dens­wert. Zuwei­len bil­det Dia­lekt sogar Ver­trauen. Doch oft rich­tet er für die Kar­riere Schä­den an” Wir lesen wei­ter:

Im Ori­gi­nal wei­ter­le­sen

„Die erfah­rene Leh­re­rin war unglück­lich. Eine Säch­sin, unüber­hör­bar wegen ihres Dia­lekts, aber ange­stellt an einer Schule in Stade, Nord­deutsch­land. Es war keine gute Kon­stel­la­tion. Sie habe sich von Schü­lern wegen ihrer sprach­li­chen Auf­fäl­lig­keit gemobbt gefühlt, erzählt Mat­thias Kirbs. Also sollte er ihr das Säch­sisch aus­trei­ben. Zumin­dest für bestimmte Situa­tio­nen.

Kirbs ist Sprach­trai­ner, und als der Unter­richt mit die­ser Kun­din vor­bei war, habe sie ihm ein Video geschickt, sagt er. Dar­auf habe sie eine Abschluss­rede gehal­ten, nicht auf Säch­sisch, son­dern auf Hoch­deutsch. Einige Schü­ler hät­ten Schil­der mit auf­mun­tern­den Sät­zen dar­auf hoch­ge­hal­ten. Es sei ihr Dank dafür gewe­sen, dass ihre Leh­re­rin noch mal zur Schü­le­rin gewor­den war. Eine Spra­chen­schü­le­rin im Fach Hoch­deutsch. Diese Geschichte aus Stade ist nicht nur eine Epi­sode aus dem wei­ten Feld Beruf und Spra­che, son­dern auch die lange Ant­wort auf eine kurze Frage: Kann Dia­lekt Kar­rie­ren kaputt­ma­chen?

„Die Spra­che ist so etwas wie eine hör­bare Visi­ten­karte“

„Durch­aus, und zwar auf vie­len Ebe­nen“, sagt Kirbs, der in Ham­burg Stimm­trai­ning und Sprech­coa­ching anbie­tet und Erfah­rung als Schau­spie­ler, Nach­rich­ten­spre­cher und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­loge hat. „Die Spra­che ist so etwas wie eine hör­bare Visi­ten­karte“, sagt er. „Des­halb kann ein Dia­lekt zum Pro­blem wer­den.“ Man­che Dia­lekte wer­den dabei als pro­ble­ma­ti­scher emp­fun­den als andere. Nicht nur Kirbs, auch wei­tere Trai­ner, die sich um Stimme, Rhe­to­rik und sprach­li­che Fär­bung küm­mern, hal­ten bestimmte ost­deut­sche Dia­lekte für beson­ders hei­kel. Ariane Wil­li­kon­sky zum Bei­spiel, die am ande­ren Ende des Lan­des, in Stutt­gart und in Bols­ter­lang im Ober­all­gäu, als Sprech­erzie­he­rin und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ne­rin arbei­tet. Sie fragt rhe­to­risch, ob zum Bei­spiel Säch­sisch beson­ders welt­of­fen rüber­komme. Und sie ergänzt, dass die­ser Dia­lekt bis­wei­len dazu führe, von Gesprächs­part­nern „in die rechte Ecke“ gedrängt zu wer­den, nach dem Motto: Was nach Ost­deutsch­land klingt, könnte poli­tisch hei­kel sein.

Das deckt sich mit den Erfah­run­gen von Mat­thias Kirbs. Er erzählt von einem Kun­den, einem Phy­sik-Pro­fes­sor, der sich in Ham­burg manch­mal regel­recht unter Nazi-Ver­dacht gese­hen habe – nur weil ihm anzu­hö­ren war, dass er aus Thü­rin­gen kommt. Auch er war ein Fall fürs Sprach­trai­ning.

Ein öst­li­ches Bun­des­land wei­ter auf der Land­karte, in Sach­sen-Anhalt, sieht es schon anders aus. Hier gibt es zum Bei­spiel viele Call-Cen­ter für aller­lei Bran­chen, weil der Dia­lekt als unauf­fäl­li­ger gilt. Nach brei­tem Säch­sisch klingt er jeden­falls nicht; da fal­len Gesprä­che mit Kun­den in Schwa­ben, Schles­wig-Hol­stein oder wo auch immer leich­ter. Kei­ner der Tele­fon­be­ra­ter muss die Sorge haben, miss­ver­stan­den oder gar nicht ver­stan­den zu wer­den. Denn Dia­lekt kann zwar ein­la­den, aber auch aus­schlie­ßen.

Ein baye­ri­sches „Grüß Gott!“ etwa ist zur Kon­takt­auf­nahme zwar nett, aber im wei­te­ren Gespräch – vor allem in sol­chen mit beruf­li­chem Hin­ter­grund – geht es darum, auch im Detail rich­tig ver­stan­den zu wer­den. Das Baye­ri­sche habe gegen­über dem Schwä­bi­schen zum Bei­spiel einen Nach­teil, sagt Ariane Wil­li­kon­sky: Es erin­nere an Leder­hose, Bier­zelt, Berge, also nicht gerade an öko­no­mi­sche Kom­pe­tenz, wäh­rend Schwä­bisch – jeden­falls in dezen­ter Fär­bung – für wirt­schaft­li­che Tugen­den stehe. Das könne im Berufs­le­ben in Gesprä­chen unter Geschäfts­part­nern durch­aus gut ankom­men. 

Wer vor allem in sei­ner Region Geschäfte macht, kann mit einem Dia­lekt meis­tens gut leben, und sei er noch so breit. Wer aber natio­nale oder sogar inter­na­tio­nale Kun­den und Gesprächs­part­ner hat, der sollte schnell wech­seln kön­nen: vom Dia­lekt ins Hoch­deut­sche und wie­der zurück, sobald es beruf­lich passt, also zum Bei­spiel die Kon­fe­renz oder das Ver­kaufs­ge­spräch been­det ist. Im Sprach­trai­ning geht es des­halb auch nicht um die dau­er­hafte, son­dern um die vor­über­ge­hende Abge­wöh­nung des Dia­lekts. Das Hin und Her ist das Ziel.

Auf­fäl­lige Kar­riere und auf­fäl­lige Spra­che sind sel­ten

Das gilt auch für Füh­rungs­kräfte. „In einem Team aus Mün­chen oder Ham­burg kann ein Vor­ge­setz­ter mit brei­tem Säch­sisch Schwie­rig­kei­ten bekom­men“, sagt Mat­thias Kirbs. Es geht um die Wahr­neh­mung und dro­hende Miss­ver­ständ­nisse. Und manch­mal auch um mess­bare Nach­teile. „Im Ver­kauf zum Bei­spiel kön­nen durch Dia­lekt die Zah­len nach­weis­bar schlech­ter wer­den“, sagt er. In Ver­hand­lun­gen oder Ver­trags­ge­sprä­chen seien die ers­ten Sätze oft ent­schei­dend für Erfolg oder Miss­erfolg. Wenn aber der Gesprächs­part­ner erst ein­mal grü­beln müsse, wel­chen Dia­lekt er da gerade höre und wo sein Gegen­über wohl her­komme, könne ein Geschäft schnell plat­zen. Dann über­la­gere in den womög­lich ent­schei­den­den Momen­ten das Pho­ne­ti­sche das Inhalt­li­che. Mit­un­ter ver­hin­dere ein Dia­lekt sogar ein höhe­res Gehalt – wenn etwa ein Unter­neh­mens­be­ra­ter für die hoch­prei­sige Kund­schaft nicht in Frage komme, weil ein zu brei­ter Dia­lekt dem ent­ge­gen­stehe. Aller­dings ist bei­des zusam­men – auf­fäl­lige Kar­riere und auf­fäl­lige Spra­che – sel­ten. Ariane Wil­li­kon­sky sagt, dass hier­zu­lande in den Top-Posi­tio­nen prak­tisch kein brei­ter Dia­lekt­spre­cher zu fin­den sei. Son­dern allen­falls Leute mit dia­lek­ta­ler Fär­bung.

In der gro­ßen Poli­tik gibt es immer­hin Prot­ago­nis­ten, die mit ihrem Dia­lekt nicht hin­term Berg hal­ten und den Ein­druck erwe­cken, dass eine regio­nale Sprach­fär­bung auch auf höchs­tem Niveau nicht schade: zum Bei­spiel die Schwa­ben Win­fried Kret­sch­mann, Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg, und Gün­ther Oet­tin­ger, Kret­sch­manns Vor­vor­gän­ger und inzwi­schen EU-Kom­mis­sar. Beide brin­gen eine Grund­vor­aus­set­zung für das Fest­hal­ten am Dia­lekt auch im anspruchs­vol­len beruf­li­chen Kon­text mit – gro­ßes Selbst­ver­trauen.

Außer­dem könnte Kret­sch­mann als Vor­bild all jener Sprach­schü­ler durch­ge­hen, die ihrem Dia­lekt in Kur­sen und Semi­na­ren zu Leibe rücken. Er kann näm­lich nicht nur Schwä­bisch, son­dern auch Hoch­deutsch, also hin und her wech­seln, wann immer er will. Kret­sch­mann ist in einem hoch­deut­schen Eltern­haus auf­ge­wach­sen, das macht es leich­ter. Kürz­lich erzählte er der F.A.Z., dass sein Sohn Vor­be­halte dem Schwä­bi­schen gegen­über am eige­nen Leib zu spü­ren bekom­men habe. Viel­mehr: auf dem eige­nen Zeug­nis. Dort habe der – aus Nord­deutsch­land zuge­wan­derte – Leh­rer moniert, dass Kret­sch­mann junior im Unter­richt Dia­lekt rede.

„Wer will schon immer beschmun­zelt wer­den?“

Ver­mit­telt Dia­lekt bei einem Poli­ti­ker Boden­stän­dig­keit und Volks­nähe, so ist anderswo Ver­un­si­che­rung vor­herr­schend. Mat­thias Kirbs for­mu­liert das Han­di­cap so: „Wer will schon immer beschmun­zelt wer­den?“ Auch Vor­stände oder Leute aus dem mitt­le­ren Manage­ment arbei­te­ten an sich, damit sie jeder­zeit von ihrem Dia­lekt ins Hoch­deut­sche wech­seln kön­nen. „Und zwar vor allem, um erns­ter genom­men zu wer­den.“

Bei ihm mel­den sich ent­we­der Inter­es­sen­ten selbst oder Vor­ge­setzte, die Mit­ar­bei­ter schi­cken wol­len, um deren Dia­lekt bei Bedarf förm­lich abschal­ten zu kön­nen. Es sei das eigene Lei­den, das Kun­den zu ihm führe, oder die Unge­duld, ja das Genervt­sein ande­rer. Das gilt auch für Deut­sche im Aus­land, denn Dia­lekt kann in Fremd­spra­chen nicht weni­ger hei­kel sein. „Wenn Sach­sen oder andere Deut­sche mit star­kem Dia­lekt raus in die Welt gehen, kann auch das ein Pro­blem wer­den“, sagt Kirbs. „Denn Aus­län­der erwar­ten diese Spra­che nicht.“ Und sie reagie­ren womög­lich nach­tei­lig dar­auf. Umge­kehrt gilt das so ähn­lich. Hand­wer­ker in Deutsch­land zum Bei­spiel, die auf­grund ihrer Spra­che als Ost­eu­ro­päer zu erken­nen sind, hät­ten in Preis­ver­hand­lun­gen einen Nach­teil. Außer­dem dro­hen atmo­sphä­ri­sche Stö­run­gen. Rus­sisch etwa klinge sehr hart, Deutsch mit rus­si­scher Fär­bung komme des­halb oft anders rüber, als es gemeint sei, här­ter, direk­ter. Damit könne nicht jeder Kol­lege umge­hen und so man­cher Chef schon gar nicht.

Der IT-Unter­neh­mer Mathias Heinz­ler hat kei­nen Beschäf­tig­ten zum Sprach­trai­ning geschickt – son­dern sich selbst. Der Schwabe hat sein Hoch­deutsch auf Vor­der­mann gebracht, weil er andere Dia­lekt­spre­cher beob­ach­tet hat. Er sei beruf­lich in ganz Deutsch­land unter­wegs, sagt Heinz­ler. „Oft habe ich bei grö­ße­ren Gesprächs­run­den wahr­ge­nom­men, dass Teil­neh­mer mit Dia­lekt es schwe­rer hat­ten, ihre Anlie­gen vor­zu­tra­gen, um sich vor ver­sam­mel­ter Runde Gehör zu ver­schaf­fen. Und ich hatte den Ein­druck, dass sie auch viel mehr Über­zeu­gungs­ar­beit bei der Umset­zung ihrer Ideen brauch­ten.“ Damals habe er sich vor­ge­nom­men, an sei­nem Dia­lekt zu arbei­ten. Und zwar, „um in geho­be­ne­ren Gesprächs­run­den meine Exper­tise und Fach­kom­pe­tenz dia­lekt­frei vor­tra­gen zu kön­nen“. Außer­dem sei es ihm wich­tig gewe­sen, in Stress­si­tua­tio­nen und schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen „kom­pe­tent und stand­haft“ rüber­zu­kom­men und „nicht in meine ursprüng­li­che Dia­lekt­spra­che zu fal­len“. Er habe zwar immer schon „ein gewis­ses Hoch­deutsch“ spre­chen kön­nen. Aber als Schwabe sei er trotz­dem immer erkenn­bar gewe­sen.

Heinz­ler sagt, er habe alles in allem acht Monate lang fast täg­lich an sei­ner Spra­che gear­bei­tet, „an mei­ner Aus­spra­che, vor allem aber auch an mei­ner Gram­ma­tik“. Mit die­sem Pen­sum ist er ein durch­schnitt­li­cher Kunde. Harte Fälle brau­chen hin­ge­gen län­ger als ein Jahr, um ihren Dia­lekt in den Griff zu bekom­men. Im Trai­ning geht es um das Ändern sprach­li­cher Gewohn­hei­ten, des­halb benö­ti­gen Schü­ler zwei­er­lei: Zeit und ein Gegen­über. Prä­senz in einer Sprach­schule ist also wich­tig und das Online-Üben zwar mög­lich – aber nur unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen sinn­voll. Zum Bei­spiel, wenn Skype dabei ein­ge­setzt wird. Was die Erfolgs­aus­sich­ten sowie die Stär­ken und Schwä­chen sei­ner Kli­en­tel betrifft, sagt Mat­thias Kirbs: „Frauen sind etwas flei­ßi­ger. Sie sind auch akti­ver, wenn es darum geht, Hoch­deutsch im All­tag anzu­wen­den.“ Und genau diese Gewöh­nung sei wich­tig, um einem Dia­lekt den Gar­aus zu machen“